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august/september 2009
DIE BIBLIOTHEK AUF DEM KLO (1 – 3)

1.

Bei uns zuhause war das Klo im Keller. Umgeben von kalten, feuchten Mauern. Und zwischen dem ganzen Abfall auf der Fensterbank lagen tote Schnaken. „Und nimm nicht wieder so viel Papier!“ rief mein Vater nach unten, wo ich micheingeschlossen hatte. Das tat ich nämlich. Man brauchte Blatt für Blatt für Blatt, wennman sich wohl fühlen wollte. Mann musste Schicht für Schicht auf die Klobrille legen, wenn einem vor lauter Kälte nicht der Hintern abschimmeln sollte. Man brauchte Blattfür Blatt für Blatt, wenn man nachher wieder genauso sauber und trocken sein wolltewie zuvor. „Und nimm nicht wieder so viel Papier!“ rief mein Vater. Das tat ich nämlich, klar. Ich konnte locker eineinhalb Rollen am Stück verbrachen. Denn hatte icheine ganze aufgebraucht, nahm ich gerne noch eine halbe dazu. Damit es nicht nach so viel aussah.

2

.Beim Abendessen erzählte mein Vater, was alles passieren konnte, wenn man rollenwise Klopapier nahm und dann die Spülung zog. Dann konnte sich das Ganze nämlich verklumpen und die Rohre im Keller verstopfen. Irgendwo under der Waschmachine oder in der Nachbarschaft. Und der ganze Dreck und die Ablaugerungen und das – zumeist saubere – Papier quollen aus dem Abfluss wieder heraus. Das ist es, woran ich mich von ganz früher noch erinnere: Mein Vater macht die Kellertüre auf und ruft zu mir, der ist schon längst fertig bin, hinunter: „Und nimm nicht wieder so viel Papier!“ Seine Stimme war durchdringend, wälztesich die schmale Kellertreppe hinunter, füllte das ganze Kellergewölbe und sammeltenoch etwas extra Echo, bevor sie sich der Klotür näherte. Ich fand kaum Ruhe und Zeit zu lesen.


3.

Ich las nämlich. Das var es, was ich machte. Die ganze Zeit. Ich las, während ich frischesKlopapir auf die Klobrille legte. Las, während ich das machte, was man dort eben so macht. Während ich das machte und noch ein bisschen länger. Und ich las, während ich mir wieder und wieder den Hintern abputzte. Das Klo war der beste Ort zum lesen. Das habe ich gelesen, das habe ich gehört und das weiss ich schon, solange ich denken kann. Ich hatte also auch immer etwas zu lesen dabei. Etwas nahm ich unter den Arm,anderes stopfte ich mit mir in die Hose, unter das Hemd. Wieder anderes hatte ich bereits unten in einer Fahrradtasche versteckt. Donald Duck und Superman, gerne ganze Ordner voll, Jahrgänge davon. Zwei bisfünf Asterix-Hefte. Eine Bibel, ein Liederbuch mit Noten und die Märchen der Gebrüder Grimm.


(sidene 7 – 10)